Ahoi,

merkt ihr diese Stimmung eigentlich auch? Alle sind etwas dünnhäutig, alle wissen alles besser und Ungeduld wird groß geschrieben. Trotz Lockdown sind irgendwie alle mehr im Stress und zugleich unzufriedener, nichts geht voran, aber zur Ruhe kommt auch keine*r. Stress kann dabei ja auch als Folge der Langeweile entstehen.

Diese Laune trifft uns zum Glück nicht allzu stark, wir haben die privilegierte Position mit netten Menschen zusammen zu arbeiten und auch sonst gut vernetzt zu sein, aber auch hier müssen wir uns Mühe geben nachsichtiger und rücksichtsvoller zu sein als üblich. Insgesamt gelingt es uns trotz der ungewohnten Situation sehr gut und wir freuen uns riesig über die große Resonanz momentan und insbesondere darüber, dass viele diese Zeit nutzen um uns das Buchregal leer zu kaufen.

Diese allgemeine Stimmung ist aber kein Wunder: die Lage ist ja nun auch nicht gerade schön – und der Maßnahmenkatalog und auch die Informationslage gleicht manchmal mehr der Voraussage eines Wahrsagers als einer durchschaubaren und nachvollziehbaren Einschätzung. Da hilft manchmal der Blick auf Szenarien, die nicht gerade Worst-Case sind, und sicherlich haben kritische Blicke auf Forschung eine Berechtigung. Der Begriff »Worst-Case-Szenario« sollte dabei selbsterklärend sein, wäre er doch die schlimmste anzunehmende Lage – nur weil diese nun nicht eintrifft darauf zu schließen, dass die komplette Analyse falsch ist, ist daher durchweg unlogisch. Es ist nicht einfach! Und nehmen wir mal selbst an, dass das best-case Szenario eintritt und im Endeffekt die (mehr oder minder) »kritischen« Stimmen aus der Wissenschaft recht bekommen, wenn tatsächlich »nur Menschen, die sowieso bald gestorben wären, sterben« (Boris Palmer) … bringt uns das auf eine elementare Frage: willst du in einer Gesellschaft leben, die dich im Zweifel sterben lässt, wenn es nur dem »Allgemeinwohl« (aka der Wirtschaft) dienlich ist? Einer Gesellschaft, die vielen kein annehmbares Zuhause und keine ökonomische Sicherheit bietet? Eigentlich gar keine Sicherheit? Und jene die von ihr exkludiert sind, jämmerlich ersaufen lässt? Oder sollten wir es lassen – und eine Gesellschaft anstreben, die auf Würde und Gleichberechtigung, Freiheit und gegenseitiger Anerkennung passiert? Wir haben ja so den Eindruck, dass das schon Fragen waren, die auch schon vor Corona relevant waren, die aber nun um so deutlicher hervortreten.

Dieser Todeskult, der das Versprechen von Sicherheit nur wenigen Privilegierten gibt, nennt sich Kapitalismus. 

Es braucht schon einen besonders perfiden Untertanengeist um sich nun – wie auf diesen sogenannten »Hygiene-Demos« – hinzustellen und die Gefahren abzustreiten; auf Kosten von mindestens besonders bedrohten Personen, ein »zurück zur Normalität« zu fordern und dies auch noch als Rebellentum zu verkaufen. Ein falsches Rebellentum, dass da mit den Forderungen aus der Wirtschaft korreliert, eine merkwürdige Definition von Freiheit, die nur aus Appellen an die Herrschenden basiert und ein gefährliches Weltbild, in der alles eine Verschwörung von oben sein muss – die Lösung der Probleme kann dann ja so ebenfalls nur »von oben« kommen … und so es ist kein Wunder, dass diese Demos voller Verschwörungstheoretiker, Antisemitinnen und Nazis sind. Im gewissen Sinne sammelt sich dort die deutschen Trump Fans, die mit skurill anmutenden, aber leider realen Demos in den USA »back to work« fordern. 

In einigen kleiner Städten ist die Gemengelage jedoch noch unübersichtlicher und nicht jede*r auf der Straße ist dort wahnsinniger Verschwörungstheoretiker. Es ist nicht einfach.

 

Sicherlich: Leben bedeutet mehr als Überleben – es bedeutet mehr als ein sicheres Zuhause und das Recht auf Gesundheit, aber allein das ist ja nicht einmal Realität … wir müssen dem eine anti-autoritäre Bewegung gegen den totalen, technokratischen Überwachungsstaat und für das Leben entgegensetzen. Nicht soziale Vorsichtsmaßnahmen sind das Problem, sondern eine Gesellschaft, die uns diese nicht in Würde durchziehen lässt. 

Beispiele gibt es genug – die Bildung von Bezugsgruppen gegen die Isolation und zur Aufrechterhaltung der Moral, Agitprop Aktionen in den Straßen, Aufrufe und durchgeführte Mietstreiks weltweit, Besetzungen, Projekte der gegenseitigen Hilfe in den Nachbarschaften, Besetzungen, Fahrraddemos, … alles Mittel von unten, die Perspektive bieten für ein ganz anderes Ganzes.

Gegen #CoronaPolizei, Aluhüte und Nazis –
für die Freiheit für das Leben.

Nicht unterkriegen lassen,
eure BM Crew