Blutsonntag – Eine Besprechung

 

Wir haben ja relativ wenig Literatur und Romane im Angebot – das liegt nicht unbedingt daran, dass es auf dem Gebiet nicht auch viel spannende Titel geben würde, sondern vielmehr an begrenzten (Lager-)Kapazitäten unsererseits und zum anderen einfach daran, dass unser Schwerpunkt dann eben doch der politische, geschichtliche, praktische oder philosophische Inhalt ist.

Wenn uns aber mal ein Roman fesselt oder Freund*innen uns etwas nahe legen, machen wir na klar auch gerne mal Ausnahmen – auch wenn es wie in diesem Fall ein Titel von 2010 ist, der vermutlich eher in der Backlist der Buchhandlungen steht.

Robert Brack hat mit Blutsonntag einen historischen Roman über die Ereignisse des 17. Juli 1932 in Altona (das damals noch nicht zu Hamburg, sondern zu Schleswig-Holstein gehörte) vorgelegt. An jenem Sonntag marschierte die SA durch das »rote Altona«, mit Anwohner*innen kam es zu Auseinandersetzungen, zwei Nazis blieben liegen, wer geschossen hatte ist bis heute unklar. Von da an übernahm die Polizei und schoss das Viertel zusammen, 16 Anwohner*innen starben in den Polizeikugeln. Verhaftet wurden daraufhin 90 Menschen. 1933 wurden vier von ihnen dann angeklagt und zum Tode verurteilt: Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens – ihr Fall gilt als erste politisch motivierte Hinrichtung nach der Machtübernahme der Nazis.

Die historischen Hintergründe der Vorfälle bindet Brack durch originale Zeugenaussagen, als Aussagen, die von der fiktiven Reporterin Klara Schindler gesammelte werden, in seinen fesselnden Roman ein.

Klara Schindler ist Redakteurin der Hamburger Volkszeitung, der Zeitung der KPD. Angesichts der Eskalation am Blutsonntag ist sie nicht weiter bereit auf die »Massenlinie« der Partei zu hören, sie will die Verantwortlichen der Polizei zur Rechenschaft ziehen. Dabei kommt sie in Kontakt mit deprimierten, anarchistischen Bohemes, Kleinkriminellen und schlussendlich auch aktiven Anarchist*innen. Ihr Charakter entwickelt sich also vor dem Hintergrund der starren Parteistrukturen der KPD und der zerrütteten und zerstritten antifaschistischen Bewegung. Spannend ist dabei die praktische Solidarität zwischen eigentlich von ihrer Parteizugehörigkeit verfeindeten Antifaschist*innen: von aufrechten SPDlern, KPDlern, die es mit ihrer Linientreue nicht zu ernst nehmen, Kleinkriminelle, die auf ihre Weise unterstützen und Anarchist*innen, die über ideologische Grenzen hinweg solidarisch sind.

Robert Brack gelingt es so eine hochspannende Geschichte vor einem historisch bedeutsamen Hintergrund zu erzählen. Sowohl aus den historischen Parts als auch aus dem fiktionalen Teil lassen sich brauchbare Schlüsse auch für die heutige Situation ziehen.

Eine Lese-Empfehlung für alle historisch interessierten, Antifaschist*innen und zu guter Letzt eben auch für alle, die sich ein bisschen in Hamburg zu Hause fühlen.

 

Rückseite des Buchs Blutsonntag