Wie bespricht mensch eigentlich ein historisches Buch? Ein Buch voller Fakten, historischer Dokumente und Berichte. Da lässt sich ja wenig eigene Meinung, wenig schwungvoll drüber schreiben – es bleibt trockene, in diesem Fall auch sehr bedrückende, Geschichte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung bleibt trotzdem notwendig. Egal ob mensch nun die kommunistische Bewegung eher als feindlichen Bruder des Anarchismus, als die eigene oder als die potenzieller Verbündeter sieht.

Vom 17. April 1975 bis zum 10. Januar 1979 herrschten die Roten Khmer (RK) in Kambodscha. In dieser Zeit fielen vorsichtigen Schätzungen zur Folge 1,7 bis 2,2 Millionen Khmer dem Regime zum Opfer, bei einer Gesamteinwohnerzahl von knapp über 7 Millionen zu der Zeit. Der Guerillakampf der Roten Khmer begann allerdings schon 1970 als Befreiungskampf gegen das repressive Lon Nol Regime. Durch die massive Bombardierung Kambodschas durch die USA während des Vietnamkrieges erhielt die Bewegung großen Zulauf. Nach 1979 führten die RK den Guerillakampf bis 1998 weiter – und die UN erkannte sie noch bis in die späten Neunziger als RepräsentantInnen Kambodschas im UN Rat an.

Im Band Das Kambodscha-Drama. Gottkönige, Pol Pot und der Prozess der späten Sühne – Berichte, Kommentare, Dokumente (erschienen 2016 im Laika Verlag) bietet Alexander Goeb einen umfassenden Einblick in die Vorgeschichte, in die Zeit des Regimes und auf die Folgen, die bis heute in Kambodscha spürbar sind.

 

Ideologisch verfolgten die RK ein ultranationalistische Variante des klassischen Maoismus. Im Band gibt es einige Originalzitate von Pol Pot und auch von Unterstützer*innen aus dem Westen. »Die maoistische Linke lobte das Völkermordregime um Pol Pot in den höchsten Tönen« (S. 164).

 

China, das zur Zeit der Entstehung der ersten Guerilla Bewegung, gerade den Großen Sprung (1958-1962) und die Kulturrevolution (ab 1966) hinter sich hatte, unterstütze die RK von Anbeginn und blieb auch nach ihrer Entmachtung ein treuer Verbündeter, z.B. durch Waffenlieferungen.

 

Insbesondere die vielen Augenzeugenberichte, die eigenen Reiseberichte und Interviews geben einen bedrückenden Einblick in die Greuel der RK. Wer einmal, wie der Autor dieser Rezension, das Killing Field in Choeung Ek bei Phnom Penh oder das Foltergefängnis S-21 besucht hat, wird die kaum zu fassende Brutalität der RK nachvollziehen können. Der empfehlenswerte Film The Killing Fields ist eine empfehlenswerte Ergänzung zur Lektüre.

 

Auch die Vor- und Nachgeschichte der RK Herrschaft wird in dem Buch umfassend beleuchtet. Dabei sind die Verantwortung der Kriegsverbrechen durch die USA anfangs und das Versagen der internationalen Gemeinschaft (insbesondere nach 1979) mehr als deutlich.

Die Aufarbeitung der Verbrechen der RK hat erst Anfang der 00er durch ein UN Tribunal begonnen. Verurteilt wurde bislang nur der Chef des Foltergefängnises S-21 Duch und 2 weitere hochranige Rote Khmer. Verfahren gegen weitere TäterInnen werden seitens der kambodschanischen Regierung blockiert – kein Wunder, sind die Ränge des aktuellen autoritären Regimes doch durchzogen von ehemaligen Kadern der RK.

Dem UN Tribunal wird in dem Buch umfassend Platz eingeräumt. Für jene, die eh keinerlei Vertrauen in Staaten und die Justiz haben, vielleicht etwas zu viel – verdeutlicht wird jedenfalls die Unfähigkeit und den Unwillen seitens der USA, China, der UN und der kambodschanischen Regierung den Opfern Gerechtigkeit (was auch immer diese sein mag, angesichts derartiger Verbrechen) zukommen zu lassen.

 

Beim Völkermord der RK handelt es sich um eines der größten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts – und die Folgen sind in Kambodscha immer noch spürbar: Armut, eine große Dichte Landminen, korrupte Eliten und ein Politik der Straflosigkeit für die obere Klasse. Dies ist einer der Gründe warum ich dieses Buch empfehlen würde - insbesondere seit dem das Land immer mehr zu einem beliebten Reiseziel wird.

 

Der zweite Punkt, der dieses Buch zur Leseempfehlung macht, sind die aktuell aufkommenden K-Gruppen, die sich komplett unreflektiert, stumpf und ahistorisch auf maoistische Ideologie beziehen. Ihr hauptsächliches Merkmal mag die Fixierung auf andere Linke als Feindbild und die entsprechende Gewaltbereitschaft sein. Ideologisch sind die Ähnlichkeiten in den Worten von Pol Pot oder den entsprechenden Passagen der Solidaritätsbekundungen (z.B. seitens des KBW, Kommunistischer Bund Westdeutschland) frappierend und alarmierend.

 

Über aktuelle Entwicklungen in Kambodscha kann mensch sich auf der Seite der kambodschanischen Menschenrechts-NGO Licadho informieren, mehr Hintergrundwissen zur Zeit des Regimes der RK findet sich bei DC-Cam.

 

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