Alissa Starodub: Lasst es glitzern, lasst es knallen

Präfiguration muss praktisch werden

Mit ihrem aktuellen, an soziale Bewegungen orientierten Buch, teilt Alissa Starodub ihre Gedanken und Erfahrungen in Hinblick auf die Herausbildung einer solidarischen Gesellschaft.

Anhand der vier Hauptbeispiele von solidarisch-ökologischer Landwirtschaft, Freiräumen, den Protesten gegen Gipfeltreffen von Regierungspolitiker*innen und Kollektivbetrieben umkreist sie den Begriff der Präfiguration. In ihren Wort beschreibt diese „eine Art der Bewegung in Richtung Utopie, die potentiell überall auftreten kann, um soziale Transformation von unten zu erzeugen. Prefiguration besteht aus vielen kleinen, ineinander verwobenen Praktiken, aus unfertigen Versuchen, die nie ihr Ziel voll und ganz erreichen. ‚Prefiguration‘ beschreibt eine unendliche Multiplizität von Praktiken, die immer um eigene Aktionen erweitert werden kann“ (S. 17).

Das nach der Jahrtausendwende vor allem in den englischsprachigen Ländern verbreitete Konzept beschreibt die Vorausschau oder genauer gesagt die Vorwegnahme erstrebenswerter gesellschaftlicher Beziehungen und Institutionen im Sinne von konkreten Utopien. Starodub möchte mit ihrem Plädoyer den Begriff offenbar auch für deutschsprachige Debatten einer Bewegungslinken beziehungsweise für ausserparlamentarische, selbstorganisierte Bewegungen popularisieren, um die damit verbundene Denk- und Herangehensweise an radikale Gesellschaftstransformation zu fördern.

Der Soziologie Erik Olin Wright beschreibt diese in seinem Buch Reale Utopien (2017) als „Freiraumstrategien“, welche er von ihrem Ansatz her dem Anarchismus zuordnet. Dahingehend eine Umdenken zu fördern, ist keine leichte Aufgabe. Schliesslich wird das politische Denken und die politische Imagination von emanzipatorischen sozialen Bewegungen hierzulande nach wie vor stark von den Sackgassen marxistischer Doktrin oder dem Bilderverbot der Kritischen Theorie dominiert.

Es liegt nahe, dass Starodub das Konzept der Präfiguration mit dem Begriff der Autonomie verbindet: „Dieses Streben nach Autonomie aller bedeutet dann auch das politische Bestreben, einen gesellschaftlichen Zustand herzustellen, in dem die Schwächeren autonom sind – das heisst, nicht mehr unterdrückt. Dieser Zustand würde den Bruch mit den bestehenden Verhältnissen mit sich bringen und erfordert eine praktische, in die bestehenden Verhältnisse eingreifende und sie verändernde Form der Politik“ (S. 8).

Tatsächlich sind weitere Überlegungen zu dieser Transformationsstrategie erforderlich, wenn sie als ein Bündel vielgestaltiger Projekt, an unterschiedlichen Orten und auf verschiedenen Ebenen, betrachtet wird, mit welchem die bestehende Herrschaftsordnung als Ganzes angefochten und aufgehoben werden kann. Debatten, Erfahrungsberichte und Wissen um Freiraumkämpfe, Kollektivbetriebe, solidarische Landwirtschaft oder die Gestalt von Protesten gibt es dagegen zuhauf.

Die Autorin versucht sie gewissermassen aus ihrer Perspektive zusammen zu führen. Die Verwendung des Begriffs Präfiguration - den sie konsequent mit „e“ schreibt – ergibt wie angedeutet inhaltlich durchaus Sinn. Ob er sich jedoch für all die Versuche, mit denen im „Hier und Jetzt“ konkrete und grundlegende Veränderungen bewirkt werden sollen, durchsetzen wird, steht auf einem anderen Blatt.

In diesem Zusammenhang ist es die Stärke von Starodubs Schreibstil, komplizierte Themen herunter zu brechen, in dem sie zwischen einem Erzählstil und der Form von Gesprächen mit Freund*innen wechselt. Dabei greift sie auf die Expertise von Menschen zurück, die sich sehr bewusst mit den jeweiligen Alternativprojekten auseinandersetzen, weil sie in ihnen aktiv sind. Für Personen, die sich in einer Phase befinden, wo sie sich politisieren oder in der sie möglicherweise nach einer Weile „in Bewegung“ über ihre Erfahrungen reflektieren wollen, ist „Politische Theorie und Praxis für die Utopie“ eine leicht zugängliche Anregung.

Damit trägt sie zur Verbreitung von Erfahrungen und Wissen bei, was eine wichtige Aufgabe ist. Dies ist auch der Fall weil Menschen, die sich in derartigen politischen Alternativszenen bewegen, teilweise den Anspruch auf die Vermittlung ihrer Praktiken und Vorstellungen aufgeben. Wie auch in anderen sozialen Gruppen gibt es schliesslich die Dynamik, sich in einer Blase abzukapseln, wodurch der Anspruch auf die Entwicklung einer ernstzunehmenden Strategie zur grundlegenden Gesellschaftstransformation jedoch untergraben wird.

Andererseits steckt für Lesende, die sich schon viel mit derartigen Gedanken auseinander gesetzt haben, nicht unbedingt viel Neues in der Betrachtung. Zu einer wichtigen Grundfrage in Hinblick auf das Konzept präfigurativer Politik positioniert sie sich leider bis zum Ende nicht: Sind die verwirklichten Alternativen - in ihren widersprüchlichen, kleinteiligen und gebrochenen Formen, die sie in der bestehenden Gesellschaft notwendigerweise annehmen – bereits die anderen, erstrebenswerten gesellschaftlichen Verhältnisse oder handelt es sich bei ihnen dennoch nur um einen Verweis, um einen Vorschein auf diese?

Anarchistische Theorie geht davon aus, dass solidarische, freiheitliche, egalitäre Beziehungen und Organisationsformen tatsächlich parallel zu den dominierenden Ungleichheits- und hierarchischen Machtverhältnissen bestehen. In Starodubs Darstellung spiegelt sich demnach die Suchbewegung der emanzipatorischen Alternativszenen generell wieder, anstatt sie auf eine neue Ebene zu heben. Um diesen Anspruch umzusetzen, wäre in jedem Fall eine weitere Diskussion des Verhältnisses von mikropolitischen Projekten hin zur Makropolitik erforderlich.

Im Nachdenken darüber landet man wieder auf einer Zwischenebene, in etwa bei den Fragen, wie ein Stadtviertel langfristig angeeignet werden kann, wie Netzwerke von Kollektivbetrieben, solidarischen Landwirtschaftshöfen und Hausprojekten gesponnen und gestärkt werden werden können. Denn konkrete Utopien gelten als machbar und überzeugend, wenn sie tatsächlich die Lebensbedingungen und -umstände spürbar verändern. Deswegen müssen sie zwangsläufig über die Einzelprojekte hinausgehen, gleichzeitig jedoch für die Teilnehmenden überschaubar und mit gestaltbar bleiben.

Ein grosser Gewinn ist, dass im Buch selbstverständlich davon gesprochen wird, dass verschiedene Aktionsformen zusammengehören, also durchaus auch solche, mit denen direkt die Konfrontationen mit Herrschaftsinstitutionen gesucht wird. Gleichzeitig geschieht jedoch keine Bewertung verschiedener Praktiken und Aktionsformen. Sprich, formuliert wird, dass die Haltung entscheidend ist, mit denen Menschen sich verorten und selbstbestimmt handeln.

Sympathisch an Starodubs Beschreibung ist zudem ihre fragende Herangehensweise, mit welcher sie nicht die Welt erklären, sondern beschreiben möchte. Dabei drückt sie Widersprüche und auch Zweifel nicht weg, sondern gibt ihnen ausdrücklich Raum. Es geht der Autorin also nicht darum, den Glauben an Perfektion zu nähren, sondern jenen an die Handlungsmacht einzelner Menschen, die sich verbünden und ihre Vorstellungen von Alternativen konkret umsetzen.

Dementsprechend kommt sie zu dem Schluss, diese „Utopie ist wie eine Collage aus Schnipseln. Sie ergibt kein formschönes, ebenmässiges Bild mit klaren Konturen, sondern etwas, wofür mensch immer mehr Imagination braucht, um sich vorstellen zu können, was das Dargestellte denn nun eigentlich genau abbildet. Es braucht auch Mithilfe bei der Collage, denn nur, wenn noch mehr kleine Schnipsel dazu kommen, können wir endlich an den Detailfragen und Konturen der Utopie basteln. Es gibt nirgends eine grosse, fertige Schablone, die wir benutzen können“ (S. 135).

Jonathan Eibisch

 

Alissa Starodub: Lasst es glitzern, lasst es knallen. Edition Assemblage 2020. 144 Seiten. ca. 20.00 SFr., ISBN: 978-3-96042-087-3