Weder Bratwurst noch Dirndl

Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung.

 

Thomas Ebermann seziert die linke Heimatliebe

Dass es ausgerechnet die Aussagen von Menschen aus einem Bündnis gegen die rechte Band Frei.Wild seien würden, die mich dazu bringen, mich wieder mit dem Wort „Heimat“ zu beschäftigen, hätte ich nicht erwartet. Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, dieses Gespenst gerade dort zu treffen, statt am Stammtisch der nächsten Eckkneipe.

Was mich noch mehr stutzen ließ, war allerdings die Vehemenz und Emotionalität, mit der dieses Wörtchen und das, was es vermeintlich bedeutet, in einem Kontext verteidigt wurden, in dem es doch primär um die ausgrenzenden Tendenzen dieses Konzeptes ging. In meiner Recherche zum Thema stieß ich unter anderem auch auf das Buch „Linke Heimatliebe“ von Thomas Ebermann. Das Buch zeigte mir, dass es sich bei den Aussagen nicht um isolierte Einzelfälle handelt.

Das Konzept unserer untrennbaren Verwurzelung an Orten und der daraus vermeintlich folgenden Identität macht auch vor dem, was ich als linke Bewegung bezeichnen würde, nicht halt. Es wird genauso dort nach dem Ort gesucht, an dem wir uns ohne Kompromisse wohlfühlen und der uns zu dem macht, was wir sind. Ohne Entrinnen!

Die dahinterstehenden, ausgrenzenden, rassistischen und antisemitischen Tendenzen werden heruntergespielt und als Zuschreibung eines rechten Blickes auf die „Heimat“ abgetan.

Es könnte alles anders sein, wenn wir das Wort nur besser, menschlicher, linker besetzten… Soweit zumindest die Argumentation der Autoren, derer sich Ebermann in dem Buch annimmt, wie auch der Menschen, die mir in meinem Alltag dieses Konzept um die Ohren hauen.

Ich bin keine Soziologin und die Auseinandersetzung mit linken Theoretiker_innen und deren Bezügen zum Thema „Heimat“ gehören bei weitem nicht zu dem, was ich als mein Spezialgebiet bezeichnen würde, aber das Buch von Thomas Ebermann hat mir dabei geholfen, mein ungutes Gefühl und meine diffuse Ablehnung dieses Begriffes in Worte zu fassen und zu verstehen. Es hat mir geholfen, zu sehen, dass eine Diskursverschiebung genau dann stattfindet, wenn plötzlich Parteien oder Gruppierungen, die ich nicht direkt als „rechts“ definieren würde, anfangen, „Heimatschutz“ mit zu ihren Zielen zu erklären, um damit auf Wähler_innenfang zu gehen.

Ob linke Politiker_innen, deren Wahlkampfslogan „Aus Liebe zu MV“ ist, die Schaffung eines Heimatministeriums oder der Wunsch, den historischen Heimatfilm auch mal ohne die lästige Tatsache des Holocausts, ganz menschlich, zeigen zu dürfen. Dahinter steckt jedes Mal im Kern die gleiche Idee. Die künstliche Schaffung eines Wir-Gefühls, das uns stärker, stolzer und schöner macht als alles um uns herum. Das uns ermutigen soll, genau dafür zu kämpfen. Egal was dabei auf der Strecke bleibt. Aber die Antwort auf die Entfremdungen des Menschen im Kapitalismus findet sich, wie Ebermann ganz richtig erkennt, weder in der Bratwurst noch im Dirndl.

Ein lesenswertes und wichtiges Buch in Zeiten, in denen die AfD in Parlamenten sitzt und Bands wie Frei.Wild den Soundtrack dazu in die Charts liefern. Überlassen wir den Rechten die „Heimat“, aber niemals die Straßen!

 

Zuerst erschienen auf graswurzel.net