Interview im »Proud to be Punk« #24


Im Sommer 2016 haben wir dem Anarchopunk-Zine »Proud to be Punk« ein kleines Interview gegeben, welches wir im folgenden dokumentieren wollen.

Jan: Herzlich willkommen zu unserem Interview! Schön, dass ihr euch die Zeit nehmt, mir einige Fragen zu beantworten. Auch wenn sich der Black Mosquito Mailorder über die Jahre hinweg einen großen Bekanntheitsgrad aufbauen konnte, wäre es trotzdem schön, wenn ihr euch und euren Mailorder noch einmal kurz vorstellen könntet...

Moin, erstmal vielen dank für dein Interesse. Mit der Zeit ist es leider momentan etwas knapp, ich stecke gerade mitten in der Endphase der Korrekturen für unser neues Buch und da ich nicht schon wieder die Deadline verpassen will, werden wohl ein paar Fragen nicht so ausführlich beantwortet werden wie ich das gerne tun würde. Ich schreibe hier übrigens in Ich-Form, weil dir hier Nils von Black Mosquito antwortet. Der Rest vom Kollektiv wird aber drüber lesen und seinen Senf beisteuern.
Ich habe vor so bummelig 13 Jahren mit black-mosquito angefangen, aber so genau weiß es keine*r mehr, ob das nun 2002 oder 2003 war. Wir sind ein anarchistischer, not-for-profit Onlineshop bei dem es ein buntes Sammelsurium an revolutionären Alltagsbedarf, Literatur, Subkultur und Kleinkrams gibt. Neben dem Mailorderbetrieb läuft unter dem Label black-mosquito noch ein kleines Übersetzungs- und Verlagsprojekt und außerdem machen wir noch ziemlich viele Designs für Aufkleber, Shirts und so weiter selber, bzw. mit Freund*innen zusammen.


Jan: Mailorder, die ihren Fokus auf Musik oder Bekleidung legen, gibt es recht viele. Mailorder, die wie ihr knapp 1.000 (!) Broschüren, Zeitschriften, Fanzines und Bücher im Angebot haben und somit sehr deutlich auch auf politische Aufklärung und Bildung setzen, fallen mir hingegen kaum ein. War dieser Schwerpunkt der politischen Aufklärung und Bildung der Grund, Black Mosquito ins Leben zu rufen?

Wow, hast du die etwa nachgezählt? Klingt nach einer ganzen Menge.
Die Idee einen Versand ins Leben zu rufen entstand tatsächlich aus einer Politgruppe: wir haben damals viele  Antifa-Soli-Konzerte in Eckernförde gemacht und dazu haben wir dann auch immer einen anarchistischen / antifaschistischen Infotisch aufgebaut. Ich hatte damals so eine kleine Vinyl-auf-Kassette-Überspielen Tauschliste und habe auch so 1-2 diy Tapes raus gebracht und da die Broschüren eh bei mir lagen wurde dann daraus ein erster kleiner Mailorderkatalog. Die ersten Kataloge bestehen quasi auch zu 90% aus Broschüren und dazu kamen dann nur einige Solisampler und ähnliches.
Mir sind die Zines, Bücher und Broschüren und allgemein das „zugänglich-machen“ anarchistischer / emanzipatorischer Inhalte nach wie vor das Hauptanliegen. Andere aus dem Kollektiv haben aber auch andere Schwerpunkte bei black-mosquito.
Das wir über den Shop wichtige andere Aktions-Materialien anbieten können ist aber auch eine feine Sache: Aufkleber, Plakate, Sprühdosen, Sturmhauben, usw. So können wir Inhalte und Aktion verbinden. Selbstverständlich nur in unserem begrenzten Rahmen, der logischerweise sich immer im Rahmen der Legalität befindet.
In so Alltagsbedarf wie Klamotten oder vegane Nahrung und so etwas sind wir eher reingeschlittert, aber irgendwie ist das auch cool. Wobei das für mich zum Beispiel auch immer noch etwas ungewohnt ist Klamotten zu verkaufen, das war eigentlich nie unser Ziel.


Jan: Bekanntlich gibt es ja kein richtiges Leben im falschen. Wie schafft ihr es also, in einem kapitalistischen System euren anarchistischen Idealen im Rahmen eures Mailorderbetriebs die Treue zu halten? Könnt ihr vom Mailorderbetrieb leben oder müsst ihr noch anderweitig knechten gehen?

Ich würde da zunächst mal festhalten, dass ich weniger aus idealistischen Überzeugungen Anarchist bin, sondern vielmehr aus der rationalen Überlegung, dass ein herrschaftsfreies Leben sowohl für mich konkret im Hier und Jetzt als auch für eine menschliche Gesellschaft ein sinnvolles und irgendwie auch notwendiges Unterfangen ist. Eine anarchistische Moral ist mir eher ein Graus, auch wenn wir selbstverständlich mit Anarchist*innen, die eine solche haben, zusammenarbeiten.
Die Idee möglichst herrschaftsfrei / anarchistisch im Hier und Jetzt zu leben stößt selbstverständlich an äußere Grenzen – den Zwang zur kapitalistischen Vergesellschaftung, Auflagen und Gesetze des Staates und ihm Endeffekt gerät sie auch zwangsweise immer auf die ein oder andere Art in Konflikt mit den Wachhunden des Status Quo.
Es geht mir also nicht darum eine idealistisch 'reine Weste' zu haben, sondern darum die Möglichkeiten und das Potenzial eines anarchistischen Zusammenlebens zu vergrößern. Dazu gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die alle ihre Berechtigungen haben.
Black Mosquito ist ein offizieller Betrieb, der auch Steuern zahlt und ganz 'normal' angemeldet ist – das sind selbstverständlich Kompromisse mit dem herrschenden Normalzustand, aber dennoch ermöglichen sie uns Ideen zu verbreiten und auch selber befreiter von Zwängen zu leben. Allerdings bedeutet es auch, dass Black Mosquito als Lohnquelle für einige von uns auch mit Pflichten verbunden ist, was manchmal schon auch nervt. Dennoch können einige von uns (ganz oder teilweise) davon leben und das ist viel Wert, auch wenn die FAU bloß keinen Wind von unseren Lohn- und Arbeitsbedingungen kriegen darf ;)


Jan: In der Vergangenheit habe ich mich hin und wieder mit BetreiberInnen größerer Mailorder unterhalten, die mir offenbarten, dass die meisten Leute kaum noch Musik, sondern vielmehr Klamotten und Accessoires bestellen würden, was mich als alten Vinylliebhaber etwas verwunderte. In der vorangegangenen Frage habe ich bereits euer reichhaltiges Repertoire an Lesestoff angesprochen. Kauft das auch jemand, d.h. lesen die Leute das alles oder decken sich viele auch bei euch in erster Linie mit Shirts und anderen Kleidungsstücken ein?

Ich glaube das ist relativ schwierig zu beantworten: schließlich ist der Bedarf an Büchern bei den meisten Menschen etwas geringer als an Klamotten oder Aufklebern. Die meisten haben schlicht nicht sonderlich viel Zeit, wegen Lohnarbeit oder ähnlicher Gräuel, sich tief gehend mit Theorie zu beschäftigen und daher hat ein bestelltes Buch wohl eine höhere Halbwertszeit als zum Beispiel 80 Aufkleber.
Außerdem sind Bücher und Zines ja auch eine Sache, die gerne weiter gegeben und verliehen wird.
An sich kaufen schon Leute Texte und das in letzter Zeit auch gefühlt mehr als noch vor 1-2 Jahren – der Großteil der Bestellungen besteht aber dennoch aus 'Alltagsbedarf' wie Kleidung, Aufkleber, Sprühdosen, usw. Da wir aber keine Daten speichern und keine Auswertungen machen, kann ich dazu aber auch nichts wirklich handfestes sagen.
Platten gehen bei uns übrigens leider auch gar nicht gut, aber wir hängen auch meist etwas hinterher und haben nicht immer gleich den neuen, heissen Scheiss am Start.


Jan: Habe ich in der Zeit, als ich die ersten Ausgaben dieses Fanzines ins Rennen schickte, hin und wieder noch den ein oder anderen Leserbrief erhalten, so tendieren Rückmeldungen seitens der Leserschaft mittlerweile gen Null. Wie sieht es in dieser Hinsicht bei Black Mosquito aus? Bekommt ihr gelegentlich Feedback von den Leuten, die bei euch bestellen?

Du meinst sowas wie „wo bleibt meine Bestellung?? Ihr Assis!!1!“ (2 Tage nach der Bestellung)?… doch davon kriegen wir recht viele Rückmeldungen. Allgemein kriegen wir recht viele unnütze Nachrichten, manchmal haben wir das Gefühl, dass uns einige irgendwie mit einer Unterseite von Amazon verwechseln oder so.  Auch schön sind so Meldungen oder Kommentare wie „macht mal was zum Thema XYZ“, als wären wir so eine Dienstleistungsgesellschaft. Wenn mensch es den Leuten aber ein bisschen erklärt, ist meistens alles easy.
Leider gehen die netten kurzen Rückmeldungen, die wir durchaus auch bekommen manchmal unter solchen Nerv-Nachrichten unter – was eigentlich Quatsch ist. Ist schon auch ziemlich cool, wenn Leute sich über ihr Paket freuen und uns dann auch extra nochmal schreiben.
Wirklich ausführliche Rückmeldungen, (konstruktive) Kritik und ähnliches sind allerdings auch äußerst selten.


Jan: Wer einen explizit anarchistischen Mailorder auf die Beine stellt und Motive mit Slogans wie „Die ganze Welt hasst die Polizei“ zum Verkauf anbietet, wird seitens des Staates und seiner Repressionsorgane auf wenig Zuneigung stoßen. Gab es in der Vergangenheit schon einmal Probleme mit Polizei, Staatsanwaltschaft & Co.?

Achja, wir pflegen da schon eine innige Freundschaft mit dem Flensburger Staatsschutz (Hallo Gert!) , der Flensburger Staatsanwaltschaft und auch noch zig anderen Wachhunden des Staates. Aus der letzten Akte gingen 8 Ermittlungsverfahren gegen mich (ich bin inhaltlich verantwortlich laut Homepage) alleine wegen „Aufruf zu Straftaten“ hervor, dazu kommen noch einige weitere Verfahren dazu…
Neben diesen ganzen Verfahren, die allesamt erfolglos eingestellt wurden, gab es auch zwei Hausdurchsuchungen bei uns … aber auch die verliefen Ergebnislos und waren viel Lärm um nichts. Dennoch sind die angedrohten Konsequenzen und die praktische Sabotage an unserer Infrastruktur ärgerlich und kräftezerrend. Zum Glück haben wir aber immer viel Solidarität und Unterstützung erfahren, sowohl persönlich als auch als Kollektiv. Ohne unsere Crew wäre das alles schon ein bißchen viel gewesen … <3 Wer genaueres dazu nachlesen will kann mal auf followthecops.blogsport.de gucken.
Witzige Nebengeschichte zu „Die ganze Welt hasst die Polizei“: bei der letzten Durchsuchung hielt einer der Untergebenen Cops freudestrahlend über seinen tollen Fund die Sticker dem Einsatzleiter vor und schlug vor diese doch auch zu konfiszieren. Der tat dies mit der Bemerkung „es fällt ja leider so einiges unter Meinungsfreiheit“ ab.


Jan: Wer sich Publikationen aus dem Hause Black Mosquito anschaut, wird feststellen, dass es sich hierbei in der Regel um Übersetzungen des amerikanischen CrimethInc.-Kollektivs handelt. Könnt ihr kurz darauf eingehen, was CrimethInc. konkret ist und wie die Zusammenarbeit zwischen und euch und CrimethInc. zustande kam?

Wir sind eher zufällig mit CrimethInc in Verbindung gekommen. Irgendwann so 2007/2008 rum hatten wir 2000 Euro bekommen, die wir für ein schönes Projekt verwenden wollten. Ich hatte damals gerade die bis dahin einzigen Übersetzungen von CrimethInc in einem Zine namens „Interface“ entdeckt und war davon angetan ein paar dieser Texte plus neuere Übersetzungen in einer Zeitschrift zu sammeln... und so haben wir 20000 Exemplare der „Reshape“ gedruckt und dann kostenlos verteilt. Es folgten einige weitere Publikationen und mit der Zeit und nach gemeinsamen Touren auch ein enger persönlicher Kontakt.
CrimethInc ist dabei aber eher ein Schirm für verschiedenste Aktivitäten und weniger eine feste Gruppe oder gar Organisation.


Jan: Ein Buch aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen und anschließend auch noch zu veröffentlichen, stelle ich mir unglaublich arbeits- und zeitaufwändig vor. Erklärt doch bitte einmal, wie der Werdegang einer solchen Buchveröffentlichung im Hause Black Mosquito vonstatten geht...

Wir sitzen ja gerade erst an der dritten Buchveröffentlichung. Einen  typischen Werdegang gibt es also nicht... nach der Reshape waren wir mit einigen Leuten in Kontakt gekommen, die Interesse an Übersetzungen hatten. Dann haben wir ein Forum bei Riseup gegründet in welchem wir kollektiv einige Übersetzungen angefertigt haben – über eine Ecke kam dann der Kontakt zu Unrast zu Stande und so entstand die Idee noch eine Textsammlung, diesmal ausführlicher und als Buch raus zu geben.
Zu dem Buch sind wir dann auf Tour mit Freund*innen aus den USA gegangen und auf dieser Tour entstand dann die Idee das damals aktuelle Buch von CrimethInc. „Work“ raus zu bringen. Da wir praktischerweise auf der Tour auch noch weitere Leute, die Bock auf Übersetzen haben kennen gelernt haben, wurde das also auch gleich angegangen.
Das aktuelle Buch habe ich nebenbei mit Unrast beschlossen und mit der Korrekturhilfe einer Freundin übersetzt, das war mal wieder eine neue Herangehensweise.
Insgesamt ist das Übersetzen an sich eher eine spaßige Sache finde ich – nur das irgendwann auch mal fertig werden und sich eine Deadline setzen wird dann eher anstrengend und dauert immer länger als gedacht. Besonders die Endphase wird dann richtig nervig, wenn mensch nur noch so Kleinigkeiten verbessern muss und sich durchs x-te Lektorat quält, aber nützt ja auch nix...

Jan: Mit „Dropping out“, „Anarchismus und Alkohol“, „Warum wir keine Forderungen stellen!“, „Work – Kapitalismus, Wirtschaft, Widerstand“ und „Message in a bottle – CrimethInc.-Communiquès 1996-2011“ sind bereits fünf Publikationen in Zusammenarbeit mit CrimethInc. entstanden. Auch wenn die Titel die darin angesprochenen Thematiken zum Teil bereits erahnen lassen, wäre es schön, wenn ihr zum Inhalt jeder der genannten Veröffentlichungen noch einige Worte verlieren könntet...

Klar, gerne. Du hast allerdings noch einige Veröffentlichungen vergessen, aber das würde wohl auch den Rahmen sprengen und Interessierte können die ja auch auf unserer Seite ansehen. Einen wichtigen Text möchte ich aber noch extra erwähnen „Alles verändern“ ist ein internationaler anarchistischer Aufruf, den wir 2015 mit CrimethInc zusammen raus gebracht haben – er erschien auf 16 verschiedenen Sprachen und kann unter tochangeeverything.com angesehen werden.

Nun zu den gefragten Veröffentlichungen:

    • Dropping Out: ist ein eher älterer CrimethInc Text, der die revolutionären Möglichkeiten des Lebens in der subkulturellen „Blase“ verteidigt. Wir empfehlen dazu immer den etwas aktuelleren Text „Vom eigenen Standpunkt aus kämpfen“, der diese Verteidigung wieder etwas relativiert.

    • Anarchismus und Alkohol: ebenfalls ein älterer Text, der uns von Genoss*innen eingeschickt wurde und den wir dann veröffentlicht haben. Quasi ein Straight Edge Manifest ohne peinliche Moral und mit guten Ideen.

    • Warum wir keine Forderungen stellen: Ein ziemlich aktueller Text, der Erfahrungen aus den sozialen Kämpfen der letzten Jahre in den USA und Europa verarbeitet. Im Endeffekt eine Verteidigung des kompromisslosen Standpunktes gegen die Herrschaft und warum genauer dieser manchmal auch der beste für kleine Erfolge ist.

    • Work: Ein Mammut-Projekt … eine explizit anarchistische Kapitalismusanalyse, die einerseits verständlich für alle geschrieben ist und andererseits auch für bereits gefestigte Antikapitalist*innen Denkanstöße bietet.

    • Message in a Bottle: eine Textsammlung, die die Entwicklung des CrimethInc Kollektives in Übersetzungen spiegelt. Vom ungestümen Punk-Kollektiv hin zum analytischen, anarchistischen Think Tank.

 

Jan: Sind für die Zukunft bereits weitere Publikationen Marke Black Mosquito geplant? Wenn ja, auf was dürfen wir gespannt sein?

Es sind da momentan noch so einige Publikationen geplant, vor allem viele kürzere Texte die dann als Zines / Broschüren erscheinen werden. Mensch darf gespannt sein.
Ganz aktuell (und das ist auch der Hauptgrund warum dieses Interview so lange gebraucht hat) bin ich in den letzten Zügen des Lektorats von 'Desert', dass dann bald vom Unrast Verlag veröffentlicht wird. Das ganze ist ein anonym erschienener Text, der sich aus einer grünen anarchistischen Sicht mit dem Klimawandel und der Perspektivlosigkeit der Linken auseinandersetzt. Es gibt viele provokante Thesen und spannende Überlegungen in dem Buch … es ist aber auch die erste Übersetzung die ich (mit)mache bei der ich nicht hinter allen Thesen und Grundgedanken wirklich stehen kann und teilweise kopfschüttelnd vor den Tasten sitze.

Zwei weitere kleine Projekte, die in nächster Zeit erscheinen werden: 23 Thesen zum Anarchismus, eine Zusammenarbeit mit Alpine Anarchist Productions und How to start a Fire, eine Übersetzung eines anarchistischen-aufständischen Aufrufes aus den USA.


Jan: Gab es eurerseits schon einmal Überlegungen, euch nicht nur an der Herausgabe von Schrifterzeugnissen, sondern auch an der Veröffentlichung von Tonkonserven zu beteiligen?

Wir haben uns ja schon an zahlreichen CDs und Tapes beteiligt und auch immer mal wieder den Vertrieb für einige Platten übernommen. Das waren allerdings alles Soli-Sampler für so Sachen wie die Bambule in Hamburg, das Ungdomshuset in Kopenhagen oder allgemein für Antirepressionssachen.
Als letztes hatten wir dann ein Split-Tape von zwei befreundeten Bands aus Costa Rica und Argentinien mit raus gegeben: Barrakäs und Progrecido.
Das ist aber auch schon ewig her. Das da nicht mehr passiert liegt aber auch weniger an mangelndem Interesse, sondern an Zeitmangel, bzw der Prioritätensetzung auf geschriebene Sachen.


Jan: Gibt es neben CrimethInc. auf internationaler Ebene noch andere anarchistische Kollektive, mit denen ihr regelmäßig zusammenarbeitet? Wenn ja, um welche Gruppen handelt es sich hierbei und wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Keine Namen, keine Strukturen ;)

Aber was ich sonst so dazu sagen kann und mag ist, dass es sich sonst eher um lose Kontakte und Freundschaften handelt bei denen dann zum Beispiel so etwas wie das Tape mit den Freund*innen aus Costa Rica entsteht.


Jan: Wenn der Begriff des Anarchismus in der Öffentlichkeit Verwendung findet, dann in nahezu allen Fällen als negativ bewertetes Synonym für Gesetzlosigkeit, Chaos, Mord und Todschlag. Der Versuch, Gespräche über Anarchismus zu führen, wird daraufhin meist mit dem Verweis abgeblockt, das funktioniere doch sowieso alles nicht. Wie ist es eurer Meinung nach möglich, anarchistische Ideale in der Praxis auszuleben und andere Menschen vom Gegenteil ihrer abwehrenden Haltung zu überzeugen?

Hier komme ich wieder auf die vorige Antwort in Punkto Ideale zurück. Genauso wie ich mich nicht aus idealistischen Gründen als Anarchisten sehen würde, sehe ich das Projekt der Anarchie nicht als eine Sache der Ideale und des Überzeugens...
Generell gibt es meiner Meinung nach verschiedene Ansätze um die Idee und Praxis der Anarchie zu verbreiten. Einige setzen darauf anarchistische Praxis in ihrem Alltag (Wohnprojekte, Kollektivbetriebe, Kommunen, usw.) zu entwickeln und durch das gezeigt Beispiel die Ideen des Anarchismus zu verbreiten. Andere setzen auf gewerkschaftliche Organisierung, wieder andere sehen nur im Moment der Revolte die Möglichkeit überhaupt etwas zu vermitteln. Ich halte es da mit CrimethInc.: „Wir sind Anarcho-Syndikalist_innen in der Produktionsstätte, Öko-Anarchist_innen in den Wäldern, soziale Anarchist_innen in unseren Communitys, Individualist_innen, wenn du uns alleine triffst, anarchistische Kommunist_innen, wenn es etwas zum Teilen gibt, Insurrektionalist_innen, wenn wir einen Schlag landen.“ (CrimethInc., Du willst als einen Aufstand? in Message in A Bottle (Münster, Unrast, 2012, S. 222)) und finde, dass jeder dieser Ansätze seine Berechtigung hat. Revolte und Aufstand brauchen eben vieles.
Auf die Frage wie der Begriff sich wieder angeeignet werden kann: ich denke dazu ist es wichtig in all diesen Ansätzen auch immer deutlich zu machen, dass wir Anarchist*innen sind und als solche eben so handeln – kollektiv wirtschaften, streiken und demonstrieren, besetzen, zerstören. Dann müssen eben anarchistische Ideen auch verfügbar sein, wenn sich Leute erst einmal dafür interessieren – dazu wollen wir unseren bescheidenen Beitrag leisten.
In den Mainstream Medien wird die Anarchie aber selbstverständlich für immer und ewig verbunden sein mit Tod, Panik und Angst. Aber das ist ja deren Problem und nicht unseres.


Jan: Flensburg, der Stadt, in der sich der Sitz eures Mailorders befindet, habe ich bislang noch nie einen Besuch abgestattet, werde das aber bei Gelegenheit selbstverständlich einmal nachholen. In diesem Zusammenhang wäre es natürlich spannend zu erfahren, was Flensburg an relevanten Konzertschuppen und Kneipen sowie an Platten- und Infoläden zu bieten hat...

Dann solltest du das schleunigst nachholen... so als Ausflugsziel ist Flensburg meiner Meinung nach – als kleine Stadt mit knapp 94.000 Einwohner*innen – durchaus eine Reise wert. Es gibt auch Strand!
Es gibt auch durchaus einige Plätze, die aus anarchistischer / subkultureller Sicht spannend sind. Es gibt zum einen das alteingesessene Wohnprojekt Hafermarkt, in das mensch immer mal gut auf das ein oder andere Krachkonzert gehen kann. Gelegentlich gibt’s dort aber auch mal andere Veranstaltungen als immer nur Punk und Cruste. Direkt daneben liegt die libertäre Kollektivkneipe „Die ganze Bäckerei“, ein sympathisches Projekt, das von Donnerstag bis Sonntag die Szene betrunken macht – in welchem aber auch regelmäßig Lesekreise, Infoveranstaltungen, Plenas und ähnliches statt finden. Dann gibt es noch das Hausprojekt Senffabrik, welches eh der beste Ort der Stadt ist.... hier lässt sich hervorragend im Garten abhängen und äußerst unregelmäßig gibt es auch im stilechten Keller mal düstere Musik, aber auch mal Techno oder HipHop. Direkt davor ist dann noch der Infoladen, den ich auch wärmstens empfehlen kann. Dort gibt’s auch regelmäßig Vokü und ab und an auch mal andere Veranstaltungen. Dazu kommen noch momentan 3 Wagenplätze und noch ein paar Kneipen und das Volksbad …
Bis Februar gab es hier außerdem noch das riesige Squat „Luftschlossfabrik“ direkt am Hafen, ein wahnsinnig schickes Gelände, das fast 3 Jahre besetzt war und dann halt von der Stadt zugunsten einer schönen Betonfläche geräumt wurde.


Jan: Wenn ich diese Zeilen hier in die Tastatur hämmere, ist es noch gar nicht lange her, dass Ende April 2016 ein Buttersäureanschlag auf den Flensburger Infoladen Subtilus verübt worden ist, wobei man sich ja ausmalen kann, aus welcher Ecke die stinkenden Grüße auf die Reise geschickt worden sind. Wie ist es demnach um Neonazistrukturen in und um Flensburg bestellt und wie gefährlich schätzt ihr diese ein?

Seit dem auch liebevoll Stinkoladen genannt... aber inzwischen ist der Laden wieder auf dem guten alten Infoladen-Muff-Level angekommen.
In Flensburg gab es in den letzten 2 Jahrzehnten keine offenen Nazistrukturen und auch keine einzige öffentliche Nazi-Veranstaltung. Seit Oktober 2015 kommt es aber vermehrt zu rechten Angriffen (eine Chronik gibt es auf antifaflensburg.blogsport.de) – die allesamt aus dem Verborgenen kommen. Im Klartext heißt das, dass es hier aktive, klandestine Nazistrukturen gibt die sich wesentlich auf Nachtaktivitäten reduzieren... diese Strukturen sind na klar scheiss gefährlich, da sie nicht öffentlich auftreten und so wenig angreifbar sind.


Jan: Vielen lieben Dank für Antworten. Möchtet ihr abschließend noch etwas sagen?

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